Presse

Abgesang auf den ewigen Frieden

Süddeutsche Zeitung, 18.06.2010

München - Vermutlich hätten nur wilde Tiere Björn Potulskis Job noch schwieriger machen können. Die beiden menschlichen Extremfaktoren des Theaterbetriebes, kleine Kinder und Senioren, hat der Münchner Reggisseur für sein neues Projekt bereits eingespannt. „Zum Ewigen Frieden - Ein Abgesang“, das heute in der Black Box uraufgeführt, bringt Zeitzeugen des Zweite Weltkriegs auf die Bühne und stellt ihnen einen zwölfköpfigen Kinderchor gegenüber. Die beiden Laiengruppen aufeinander abzustimmen, dürfte das härteste Stück Arbeit gewesen sein, das Potulski sich bislang aufgebürdet hat - wohl auch das interessanteste Werk, das der Theatermacher, der vor zwei Jahren mit seiner Bibeladaptation „Exodus“ durch Europa tourte, bislang geschrieben und inszeniert hat.

Im Zentrum steht Immanuel Kants „Philosophischer Entwurf“. Seit seiner Veröffentlichung 1795 ist er Grundlage des westlichen Friedensbegriffes; beinahe ebenso lang auch unerfüllte Forderung jeder jungen Generation. Barbarische Kriege haben das Ideal von Vernunft und Wohlwollen unter Staaten seither unterminiert. Potulski lässt die Zeugen das Requiem singen: Menschen, die die deutsche Besatzung Warschaus überstanden haben. Menschen, die Überlebende des KZ Buchenwald versorgen mussten. Menschen, deren erster Kontakt mit der deutschen Sprache aus den Worten „Hände hoch!“ bestand. Potulski fängt ihre Geschichten mit den Mitteln der Abstraktion ein. Gesprochener Text fehlt gänzlich. Die Erfahrungen von Gewalt, Zerstörung, Tod und Verlust erscheinen als reines Musiktheater, werde in emotionale Bilder, in kraftvolle Bewegungen in starre Benommenheit übersetzt.

Für die musikalische Umsetzung ist Nélida Béjar verantwortlich. Die spanische Komponistin lässt den Abgesang düster ausfallen: Klarinetten, Fagott, Violine, Viola, Violoncello, E-Bass und Klavier erzeugen beklemmende, nicht selten verstörende, aber immer wundervolle Stimmungen. Auch die Bühne selbst ist Instrument. Béjar nimmt ihre Geräusche auf und lässt sie elektronisch verarbeitet oder verfremdet in die Musik einfließen. Jakob Biazza